• Autor: Ulrike Schmitt

Pferd des Monats Juli: Avalon (v. Lichtblick - Heimherr) ein bärenstarkes Team trotz Handicap


Seit über 20 Jahren ist Familie Schmitt-Faßbender den Trakehnern als Sportpartnern verbunden.

Angefangen hatte alles damit, dass das Familienoberhaupt F.J. (Franz-Josef) ein Springpferd für seine Frau (Ulrike) suchte, mit der diese erfolgreicher Springen bestreiten konnte, als sie dies mit ihren Connemaras tat (sie ritt diese siegreich auf L-Niveau, damals noch Hindernisse von 1,20 – 1,25 m Höhe) und die sie seit 1985 besaß und auch erfolgreich züchtete. Schwierig war es nun ein passendes Pferd für eine passionierte Ponyreiterin zu finden, da diese Ihre eigenen Vorstellungen hinsichtlich Rittigkeit, Intelligenz und Umgänglichkeit hatte, sollten doch auch die Kinder

(dazumal 4 und 6jährig) der Familie mit dem Pferd sicher umgehen können.

So kam nach langem Suchen die Trakehnerstute Arnika (*1982, Atreus x Alveole) in die Familie. Ihr Charakter war einfach toll. So blieb sie beispielsweise auf der Weide endlos lange bewegungslos stehen, weil der damals 4jährige Sohn des Hauses zu ihr gegangen war und ihr irgendwelche Geschichten erzählte, um dann, nachdem der Junge die Weide verlassen hatte und sie sich zunächst nach rechts und links vergewissert hatte, dass der Junge wirklich weg war, bockend mehrere Runden über die Weide zu drehen.

Diese Geschichte war der Auslöser dafür, dass die Familie an Trakehnern als Sportpferden festhielt und so 2003 eine weitere Stute aus dieser Stutenfamilie erwarb: Aimée (*1995, Heimherr x Alveole). Diese Stute hatte alles was man sich von einem sportlichen Familienpferd wünscht: Gutmütigkeit, Vorsicht und Rücksichtnahme gegenüber jedermann, gepaart mit Leistungsbereitschaft und –vermögen, sowie gesunder Intelligenz. So trug sie Ulrike im Springsport binnen 4 Jahren zu über 40 Platzierungen und Siegen bis zur Klasse M und das, obwohl die Reiterin bei einem Unfall auf einem Turnier die Sehkraft ihres linken Auges verlor. Nachdem die Stute eines Tages mit einer dicken Sehne von der Weide kam, stand schnell der Entschluss fest, der Stute eine Auszeit zu geben und diese zu nutzen umaus dieser Stutenlinie ein Fohlen zu ziehen, aber nicht nur einfach züchten, sondern ganz bewusst Trakehner Springpferde, die möglichst das Wesen ihrer Mutter haben sollten.

Auf dem Trakehner Bundesturnier war uns Lichtblick (Nerv x Lissett) ins Auge gefallen, besonders was seine Manieren und seine Springtechnik anbelangte. So stand der Entschluss schnell fest: Lichtblick sollte der Vater unseres Fohlens werden.

2009 war es dann soweit und Aimée war Mutter eines – wie sollte es auch anders sein – fuchsfarbenen Hengstfohlens. Der Name war schnell gefunden: Avalon FSF

So groß auch die Freude, hat sie doch einen kleinen Knacks,

in Form eines schiefen Schweifwirbels. Vermutlich ist die

überfürsorgliche Mama beim schnellen Aufstehen ihrem Kind

auf die Schweifwurzel getreten. Ein Richten des Wirbels wird

versucht, aber eine Versteifung wird wohl zurückbleiben. Aber es

sollte noch schlimmer kommen.

Bei strahlendem Sonnenschein und fast sommerlichen Temperaturen

durften Stute und Fohlen jeden Tag einige Stunden auf die

Wiese – alleine – damit dem Fohlen von den frechen Ponys nicht

zugesetzt wurde. Doch am 7. Tag ist es geschehen: Das Fohlen

steht plötzlich mit einem stark nässendem Auge auf der Weide.

Der sofort gerufene Tierarzt kann nur noch einen Riss in der Hornhaut

feststellen und das Auge zum Schutz gegen Infektion zunähen.

Die Sehkraft auf dem linken Auge ist verloren. Wer hat da

ein Déjà vu?

Mit Galgenhumor bemerkt Ulrike: „Der will bei mir bleiben, der hat gehört, dass er als Hengst verkauft werden könnte.“

Bei der Fohlenschau läuft Avalon aufgrund seines fehlenden Auges auf der linken Seite neben seiner Mutter und wird daher in umgekehrte, sprich: auf der linken Hand präsentiert. Aufgrund dieses Defizites, seiner Abstammung und seines Exterieurs ist er Zuchtkommission nicht modern genug und wird somit nicht zum Fohlenchampionat zugelassen. Die Aussage, dass mit dem Auge der Hengst wohl kaum für die Körung geeignet sei, verärgert den Züchter jedoch sehr, da es sich um einen erworbenen und nicht züchterisch belangreichen Mangel handelt

Charakterlich entwickelt sich Avalon zu einem liebenswürdigen Halbstarken, der seine Kräfte mit seinen Raufkumpanen auf der Weide ausprobiert. Dem Menschen gegenüber verhält er sich, ebenso wie seine Mutter, stets umsichtig und freundlich.

Zunächst mit seiner Mutter, später alleine, wird Avalon an die Arbeit mit Stangen und Hindernissen herangeführt. Anfang 3jährig wird Avalon zum Freispringwettbewerb in Wickrath angemeldet. 3 Wochen vor der Veranstaltung verschätzt sich der Junghengst beim Durchlaufen ein Weidetores und spießt sich an dem abgerundeten Verschluss auf. Er hat den Pfosten, da er sich auf der linken, also seiner blinden Seite befindet, einfach nicht gesehen und

läuft mit voller Wucht gegen den Pfosten mit dem Verschluss. Folge ist eine tiefe Platzwunde in der Brust, bei der aber Gott sei Dank werden weder Muskeln noch wichtige Gefäße verletzt.

Das Aus für den Freispringwettbewerb?

2 Tage vor dem Wettbewerb gibt der Tierarzt grünes Licht, so dass Avalon doch noch in Wickrath teilnehmen kann und seine Besitzer damit überrascht, dass er die Jury mit Manier und Vermögen überzeugt und die Qualifikation für das Finale erlangt.

Glücklich darüber, dass die Eskapade ohne Folgen geblieben ist und zufrieden mit dem Ergebnis, wird der nun 3jährige Avalon noch einmal eine volle Sommersaison auf die Weide geschickt, um mit seinen Kumpels das Leben in einer Junghengstherde zu genießen.

Im Sommer 2013 wird er an die Aufgaben Longieren und Reiten herangeführt, was so total unkompliziert verläuft, dass er bereits nach 4 Wochen auf dem Sommerfest des Stalls in einer Gewöhnungsprüfung mitgeritten werden kann und diese ohne Probleme absolviert.

Nach einer ausreichenden Grundlagenschulung soll nun auch Springen mit auf den Arbeitsplan kommen, springt Avalon doch inzwischen nicht nur beim Freispringen sicher, sondern auch über alle Weidezäune, die nicht mindestens 1,60 m hoch sind.

Auch hier macht er keine Probleme, wenn man davon absieht, dass er stets nach links gestellt auf die Hindernisse zuläuft, damit er die Sprünge auch gut sehen konnte. Hier wird erstmals klar, dass dies zu einem Problem bei hohen Springen führen kann, da er stets etwas nach links drängt, und oftmals anstatt über die Stangen über die Ständer zu springen versucht, was ihm zum Entsetzen der auf ihm sitzenden Reiterin auch meist gelingt, aber seine Reiterin so manches Mal in Sitznot bringt.

Anfang 5jährig ist er sicher am Sprung, so dass entschieden wird, mit ihm die erste Springpferdeprüfung zu nennen.

Aber wieder einmal läuft nicht alles wie geplant.

Eine Woche vor der Prüfung stürzt Ulrike bei einem Sprung und reißt sich das Pferd in den Rücken, da sie den Zügel festhält. Diagnose: Wirbelsäulenbruch im 5. Lendenwirbel, an ein Reiten am nächsten Wochenende ist nicht mehr zu denken.

Was tun?

Kurzerhand wird Axel, der Sohn des Hauses für die Prüfung nachgenannt und Avalon beweist seine Zuverlässigkeit, indem er auch mit dem ihm unbekannten Reiter fehlerfrei die Springpferdeprüfung bestreitet. Man bedenke: Axel hatte das Pferd zuvor noch nie geritten und Avalon war das erste Mal in seinem Leben auf einem Turnier.

Von da an wird Avalon durchschnittlich jeden Monat einmal mit auf einem Turnier vorgestellt, wobei die Zahl der Bewunderer um ihn herum immer größer wird und in 2016 bereits auf Platz 67 von 470 bei der FN bundesweit registrierten Trakehner Springpferden liegt.

Neben der Springausbildung legt die Familie auch Wert auf vielseitige Grundlagen des Pferdes, so dass das Atigs-Angebot von Erdmann Germer wie gerufen kommt, um Avalon auch im Gelände zu testen. Schnell stellte sich heraus, dass Avalon auch hier zuverlässig und freudig alle neuen Aufgaben annimmt und bei seinem ersten Geländetraining direkt als Führpferd für andere vorneweg durch den Wasserdurchritt gehen muss. Er ist einfach cool.

Viele Menschen sprechen Ulrike an.

Sie sind angetan vom Exterieur des Pferdes, von seiner Leistungsbereitschaft und Zuverlässigkeit, gepaart mit dem freundlichen Charakter und dass er so toll springt, obwohl er doch das Handicap hat nur mit einem Auge zu sehen.

Ulrike erklärt dann immer mit einem Lachen auf den Lippen, dass er das getan habe, damit er garantiert bei ihr bleiben dürfe, man gebe keinen Leidensgenossen ab, schließlich sehe sie auch nur auf einem Auge und deshalb seien sie und Avalon ein so gutes Team.

Einen Spaß machen die beiden sich auch aus

Ihrem Handicap, als sie beim Kostümspringen im

Frühjahr 2016 als Piraten verkleidet den 5. Platz im

A-Springen belegen. Auch trägt er ganz nebenbei

eine junge Reiterin (11 Jahre) durch ihre Reitabzeichenprüfung,

die sie als Prüfungsbeste (von insgesamt 19 Prüflingen)

abschließt.

Auch die Frage, ob der Hengst auch decken darf wird häufig gestellt, leider muss dies immer wieder verneint werden, da diesbezüglich bereits früh vom Trakehner Verband eine Absage erteilt wurde, das Handicap…

Der Hengst läuft 2016, turniermäßig aus familiären Gründen nur mäßig eingesetzt, erfolgreich bis L und kann zu Ehren seines Züchters, Franz-Josef Schmitt-Faßbender, der im Juni 2016 nach schwerer Krankheit im Alter von 60 Jahren

viel zu früh verstirbt, in Hannover mit 2 weiteren

Trakehnern der Familie den 3. Platz im

Mannschaftsspringen der Klasse L erringen.

Unter Axel läuft Avalon im U25-Springen fehlerfrei

und erreicht den 4. Platz.

Für 2017 sind wieder Pläne geschmiedet und die Turniersaison wartet. Vorher aber wieder ein bisschen trainieren. Dazu bietet sich das vom Trakehner Verband angebotene Springtraining in St. Wendel auf dem Gestüt Welvert bei Familie Bruch an, an dem Avalon und Ulrike schon 2016 teilnehmen durften und auf dem Aimée einquartiert wurde und ein Fohlen von Phlox erwartet.

Mit Trainer Andreas Kreuzer, der Ulrike mit einigen kurzen Anweisungen den Weg zu noch besserer Abstimmung am Sprung aufzeigt, gelingt es dem 2-äugigen Team so schöne Springrunden zu absolvieren, dass erneut viele Betrachter bewundernd zu Pferd und Reiter kommen. Avalon springt hier nicht nur zuverlässig, sondern zaubert an manchen Sprüngen derart um seine Reiterin zu unterstützen, dass die Zuschauer den Atem anhalten.

Dabei ist das Pferd immer ruhig und leicht regulierbar. Ein Traum an Rittigkeit und Springqualität.

Die Familie liebt das Pferd heiß und inniglich und er wird immer einen besonderen Platz in unserem Herzen haben, egal ob er als Hengst vielleicht irgendwann einmal eine Chance bekommen wird oder nicht.

Sportlich gesehen wird er vielleicht nicht in höchste Klassen aufsteigen, da seine jetzt 53jährige Reiterin nicht sicher ist, ob sie das noch leisten kann,

Hauptsache ist für beide, noch lange gemeinsam miteinander Sport treiben zu können.

Zum Schluss: Im Sinne des Geistes für Blutvielfalt und Leistungsblut, das gerade im Springsport bei den Trakehnern nicht so reich gesät ist, sollte man darüber nachdenken, welche Bewertungsmerkmale wesentlich sind für die Zulassung von Pferden zur Zucht. Bei einer Reinzuch,t wie dem Trakehner ist es notwendig den Genpool möglichst weit gefächert zu halten und nicht dadurch, dass man Linien, weil sie als unmodern gelten, verliert.

Springende Trakehner Linien wurden lange Zeit vernachlässigt, weil der Trend zur Dressur ging, gut springende Hengste wurden über Auktionen ins Ausland verkauft oder aufgrund geringer Bedeckungen aus der Zucht genommen. Auch im Bereich des Interieurs eines Pferdes sind viele Informationen verloren gegangen, weil der Charakter eines Pferdes nur schwer messbar ist und das gesamte Augenmerk heutzutage immer mehr auf messbare Leistungen gelegt wird, was für den Hochleistungssport sicherlich wichtig aber nur die Spitze des Eisberges ist. Ein Großteil, der von uns gezüchteten Pferde wird von ambitionierten Amateuren geritten und sollten diesen sowohl sportlich als auch charakterlich gerecht werden.

Es ist erfreulich, dass ein kleiner Hengst, der züchterisch kein Hengst sein darf, durch sein Aussehen, seine Leistung im Springen– trotz Handicap – und seinen Charakter sein Umfeld so fasziniert, dass er ausgewählt wurde Pferd des Monats zu werden.

Danke

Familie Schmitt

Liebe Familie Schmitt,

vielen, vielen herzlichen Dank für Ihre Geschichte. Einige Vorstandsmitglieder durften Ulrike Schmitt und Avalon während der Sichtungsinitiative auf dem Gestüt Welvert in St. Wendel erleben -

ein Paar, eine Einheit, in Eintracht und mit gegenseitigem Vertrauen,

welches, ohne Sie damals persönlich zu kennen, für uns alle spürbar war.

Der Vorstand des Trakehner Zuchtbezirks Rheinland-Pfalz, Saarland, Luxemburg wünscht Ihnen weiterhin viel Freude an Ihrem Avalon und wünschen uns, dass wir Sie noch öfter

erleben dürfen!


#PferddesMonats

147 Ansichten