• Autor: Ellen Leis

Pferd des Monats Juni: Wilde Hilde - die Geschichte einer kleinen, aber dafür ganz besonderen Stute


Wilde Hilde

von Checkpoint - Neshad xx - Nebos xx

* 2007

Es war eine lange Geburt, bis Wilde Hilde auf der Welt war. Anderthalb Stunden quälte sich ihre Mutter Wonderful Sunshine xx, bis die kleine, feine Stute endlich das Licht der Welt erblickt hatte. Daß Hochgeschwindigkeit später ihr Leben sein würde, konnte man nach dieser Prozedur wirklich nicht erahnen…

Hilde, ziemlich frisch auf der Welt, mit ihrer Mama.

Best Buddies: Hilde und ihr Kindergartenonkel Bonnie

Ihre Mutter hatten wir sozusagen zufällig gefunden, ihr Zustand weckte eigentlich keine Begehrlichkeiten, da stand ein mageres, unscheinbares, zotteliges Vollblüterchen vor uns. Aus schlechter Haltung herausgeholt stand sie nun für kleines Geld zum Verkauf. Ein Blick auf das Pedigree, das gespickt war mit Leistungsgaranten der Vollblutzucht und dann auch noch aus der Stutenfamilie der Waldrun xx, ließ alles andere vergessen. Ich riet meiner Freundin Claudia Lenhart dringend zum Kauf.

Nachdem Sunny, wie wir sie nennen, nun in einem geregelten Leben angekommen war, wurde sie schnell zu einer schönen Stute, die uns auch unterm Sattel, und da besonders beim Springen, begeistern konnte. Glücklicherweise durfte ich sie zur Zucht benutzen und die Wahl fiel auf Checkpoint, den wir auf Webelsgrund erleben durften. Schnell nochmal den Hengstkatalog seiner Körung herausgekramt, und was hatte ich mir zu ihm notiert: BUSCH! So stand mein Entschluss schnell fest und elf Monate später kam also dann seine Tochter Hilde zur Welt.

Von Anfang an faszinierte mich ihr sportlicher Blütertyp, diese schönen Kugelaugen, aus denen das Feuer zu sprühen scheint, die tolle Bemuskelung und ihr Temperament. Sie empfahl sich schon früh für die Vielseitigkeit, volle Pulle über die Koppel zu fetzen, das war ihr Ding.. Das tat sie auch beim Fohlenbrennen, wo sie sich einen Spaß daraus machte, ständig über die Abgrenzungen aus Stangen und Dressurgattern zu hüpfen.

Altgescheit stand sie als junges Pferd gern am Zaun und beobachtete, wie die anderen Pferde geritten wurden, um dann wild buckelnd herumzurennen nach dem Motto: „Das kann ich aber besser!“ Sie spielte gern im Wasserbottich, was nicht heißen soll, dass sie auf der Geländestrecke gern ins Wasser geht, im Gegenteil. Mit Hilde ist immer alles anders und voller Überraschungen.

Hilde hat eine ganz besondere Ausstrahlung, ich möchte es mal Ponycharme nennen, mit dem üppigen Schopf, der Doppelmähne und dem frechen Gesichtchen. Irgendwie schließt man sie schnell in sein Herz.

Dennoch standen die Zeichen zunächst auf Verkauf, da ich eigentlich schon zwei Turnierpferde hatte und damit mehr als genug beschäftigt war. Da meine Stute Hazel aufgrund einer Verkümmerung der Eierstöcke für die Zucht ausschied, war ich eigentlich auf der Suche nach einer weiteren Zuchtstute.

So kam es, daß sich eine bekannte Distanzreiterin für Hilde interessierte, sich verliebte - wie konnte es anders sein - und sie kaufen wollte. Bei der Ankaufsuntersuchung ging Hilde jedoch auf dem Pflaster minimal unklar. Sie laborierte damals an einem Hufgeschwür, das am Kronrand aufgebrochen war und nun hatte sie ein Loch in der Hufwand, das erst herunterwachsen musste. Vielleicht kam die leichte Lahmheit daher. Die Distanzreiterin trat jedenfalls vom Kauf zurück und ich schickte Hilde einfach nochmal auf die Koppel.

Als der Huf Monate später wieder in Ordnung war, ließ ich sie röntgen, um für den Verkauf etwas in der Hand zu haben und um sicher zu sein, daß da kein Befund war. So sehr die Tierärztin auch suchte, sie fand nichts. Röntgenklasse I. Beim Anreiten war Hilde so problemlos, wie es ein Pferd nur sein kann und eher faul und triebig. Trotzdem fühlte ich mich sofort so wohl auf ihr und als wir ziemlich bald die ersten kleinen Hüpfer probierten und sie wie selbstverständlich alles anzog und mich von Anfang an schön mitnahm, kam ich ins Nachdenken.

Das hier war doch genau mein Pferd! Von ihren Ausmassen passte sie mir perfekt! Sie sprang toll, würde mit dem hohen Blutanteil sicher ein gutes Vielseitigkeitspferd werden. Wieso also eine fremde Stute kaufen, von der man nichts wußte, wenn da bereits eine im Stall stand, die man selbst gezüchtet und großgezogen hatte, die immer kerngesund gewesen war, und deren, zugegeben, außergewöhnlichen Charakter man in- und auswendig kannte?

Hilde, 6jährig auf der Weide

Der Entschluss stand schnell fest, Hilde würde bleiben!

Ich freute mich so, als ob ich ein neues Pferd gekauft hätte. Bis sie in die Zucht gehen würde, konnte man ja noch ein wenig reiten. Etwas faul war sie ja immer noch, aber wenn man ihr noch ein bisschen den Gang einlegte, würde das schon werden… tja, und dann erwachte die kleine Lady und faul ist seitdem so ziemlich das letzte Wort, das man mit ihr in Verbindung bringen kann.

Hochsensibel und kompromisslos leistungsbereit bis zur Selbstzerstörung, das passt schon eher zu meiner Hilde. Spät, mit fünf Jahren angeritten, kamen wir auch sehr spät aufs erste Turnier. Fräulein Hilde hatte nämlich beschlossen, nachdem wir mit einem ziemlich klobigen Wallach zu unserer ersten Springstunde gefahren waren, fünf Minuten Fahrtzeit, nicht mehr in den Hänger zu steigen. Keine Ahnung, was der Kerl ihr unterwegs erzählt hatte. Sechs Monate und die Anwendung sämtlicher Tricks benötigte es, um sie zu überzeugen, wieder einen Pferdeanhänger zu betreten.

Ich meldete Turniere, konnte aber nie starten, weil Hilde nicht mitkam. Zum Training fahren ging logischerweise auch nicht. Und dann endlich, kurz vor dem Geländeturnier in Kaisersesch, war der Bann plötzlich gebrochen. Ohne Erwartungen starteten wir bei der Geländepferdeprüfung und sie schnurrte da durch, als habe sie ihr Lebtag nichts anderes getan. Lediglich beim Wasser erbat sie sich Bedenkzeit, ging aber irgendwann durch. Bis heute hat sie zwei Probleme: Wasser und Dressur. Wir arbeiten daran.

In den Hänger steigt sie seitdem alleine ein, allerdings muß sie links stehen, da sie auf der anderen Seite in Linkskurven Probleme hat… es hört sich an, als ob sie gleich umfällt da hinten. Naja, so eine typische, unerklärliche Hilde-Macke halt.

Ihren ersten Springparcours absolvierte sie siebenjährig, die ganze Springpferdezeit hatten wir leider vertrödelt. Wir kamen bis zum dritten Sprung, weil sie abartig glotzte. Ich fragte mich noch, wie ich sie jemals über einen Parcours bringen sollte, aber bereits beim zweiten Versuch war ihr Kampfgeist geweckt und sie guckt seitdem eigentlich nicht links noch rechts. Im Gegenteil, sie vom Springen abzuhalten ist eher schwierig.

Am Anfang flogen noch viel die Stangen, weil sie die Hindernisse quasi fressen wollte. Inzwischen schafft sie es auch in Klasse L ohne Fehler, wenn ich nicht meine, zuviel eingreifen zu müssen. Dressur war noch nie ihr Ding, deshalb starten wir meist von einem der letzten Plätze in die Geländeprüfung. Frustrierend, aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

Hilde in Action, Springen und Galoppieren, das ist ihr Ding.

Eine Geschichte für sich sind die Wilde Hilde und der Rennsport. Das Trakehner Rennen war unser Ziel. 2014 startete sie erstmals, siebenjährig. Mit der Pferderennbahn Miesau vor der Haustür waren die Möglichkeiten, zu trainieren, optimal. Beim Reitpferderennen am Miesauer Renntag legte Hilde einen Start-Ziel-Sieg mit 23 Längen auf 1000 m hin. Das Trakehner-Rennen ist mit mehr als der doppelten Distanz natürlich eine andere Hausnummer, aber solche Streckenlängen war sie ja aus der Vielseitigkeit auch gewohnt.

Wir traten also in Mannheim an, am Totalisator favorisiert. Mein Plan war, mich an die tolle Schimmelstute Virginian Snow zu hängen und das klappte auch zunächst. Allerdings war nach anderthalb Runden plötzlich Hildes Akku leer, was ich bei ihr zuvor noch nie erlebt hatte. Während Virginian Snow unbeirrt und mühelos mit ihrer großen, gleichmäßigen Galoppade ihr Tempo halten konnte, fiel Hilde zurück. Aber sie kämpfte bis zum Schluss und wir wurden weit vor dem restlichen Feld Zweite! Das war viel mehr, als ich eigentlich erwartet hatte. Und es hatte solchen Spaß gemacht!

Unser zweiter Start beim Trakehner Rennen endete leider sehr unglücklich. Hilde war in bestechender Form, hatte in Miesau wieder ihre Favoritenrolle voll ausgespielt und bei härterer Konkurrenz wie im Vorjahr unangefochten als erste die Ziellinie überquert. Mannheim konnte kommen.

Hilde startete phänomenal durch. Inzwischen wusste sie, um was es ging. Bereits kurz nach dem Start merkte ich, dass mein Sattel nach hinten rutschte und mir war in Sekundenbruchteilen klar, es gab hier nur noch eins: runter!

Ich schaute mich kurz um, alle Pferde rechts von mir, also ab nach links in die Hecke. Dank meiner Airbagweste hatte ich nichts außer einer leichten Gehirnerschütterung, aber das hätte auch ganz anders ausgehen können. Hilde rannte unbeirrt mit dem Sattel unter dem Bauch ihr Rennen fertig, und das auch noch auf der Sandbahn und lief an dritter Stelle durchs Ziel, blöderweise halt ohne Reiter. Zum Glück hat sie sich bei der Aktion nicht weh getan, bis auf ein paar Abschürfungen an den Hinterbeinen vom Sattel, war sie okay.

2016 starteten wir ein letztes Mal in Mannheim, um uns, bzw. mich zu therapieren. Ich brauchte das noch einmal für mein Ego, denn mein Sportlerherz hatte schon arg geblutet nach dem Sturz. Ein wohlmeinender Freund verfolgte uns bis zum Start, um noch einmal den Sattelgurt fest zu ziehen. Wir erwischten einen schlechten Start, waren weit hinter dem Feld los gekommen. Bereits in der ersten Kurve hatte Hilde jedoch sich wieder bei Virginian Snow eingereiht, die auch dieses Rennen in ihrere beeindruckenden Manier gewann. Bei Hilde merkte ich plötzlich, dass sie nicht mehr konnte, wahrscheinlich bekam sie aufgrund des wirklich zugeknallten Sattelgurtes nicht mehr genug Luft. Ich ließ sie laufen, wie sie konnte. Es tat mir so leid für sie, als einer nach dem anderen an ihr vorbeizog, aber ich wollte sie nicht noch antreiben. So endeten wir an sechster Stelle. Für meine kleine Kämpferin hätte ich mir einen glanzvolleren Abschied von der Rennbahn gewünscht, aber Hauptsache war, daß wir diesmal beide wohlbehalten im Ziel angekommen waren.

Sieg in Miesau 2015

Das Thema Rennen ist für Hilde Geschichte.

Sie soll nun zur Ruhe kommen. Wie sehr sie das alles mitnimmt, merkt man heute noch, wenn in Miesau Renntag ist. Man hört dann die Lautsprecher bis auf unsere Koppeln und Hilde ist dann den ganzen Tag nicht ansprechbar und fertig mit der Welt.

Hilde darf jetzt eine Babypause machen und ist derzeit tragend von Adorator. Ich hoffe auf ein tolles Vielseitigkeitspferd, das vielleicht ein kleines bißchen einfacher zu bedienen ist wie die Mama. Sie wird nach wie vor geritten und nach der Fohlenzeit wollen wir beide noch einmal in den Sport.

Wilde Hilde ist kein einfach zu reitendes Pferd, das wird sie niemals sein. Aber gerade, weil sie mich so fordert, bin ich ihr irgendwie verfallen. Es wird nie langweilig mit ihr, man muss eigentlich alles anders machen wie üblich. Mit ihrer besonderen Ausstrahlung und ihrem Kampfgeist eroberte sie nicht nur mein Herz.

Wer sie einmal gesehen und erlebt hat, vergisst sie in der Regel nicht so schnell.

#PferddesMonats

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