• Autor: Eva Ziegler

Pferd des Monats August: Pastorale v. Van Deyk - peu à peu zum Traumpferd mutiert


Pastorale

v. Van Deyk u .d. Parisienne v. Mormone xx

B: Eva Ziegler

Ich habe am Wochenende Biggi auf dem Turnier auf dem Hofgut Petersau getroffen.

Aus irgendeinem Grund kamen wir darauf zu sprechen, wie ich zu Pastorale und Pasticcio gekommen bin, und sie meinte, das wäre eine Geschichte für das Pferd des Monats.

Jetzt sitze ich in meinem Sessel, den Laptop auf dem Schoß, ein Sektglas neben mir, und schreibe die Geschichte auf.

Ich bin durch und durch Reiter und hatte mich, bevor ich Pastorale gekauft habe, nie mit der Abstammung oder der Rasse von Pferden beschäftigt.

Anfang 2010 hatte ich mir mein erstes Pferd Remo gekauft, einen Araber-Mix. Er war mein langjähriges Reitbeteiligungspferd, und als ich ihn übernommen habe, war schon klar, dass ich mir mit ihm – egal, wir gern ich ihn habe – nicht meinen großen Traum erfüllen könnte: einmal ein Pferd selbst fürs große Viereck ausbilden!

Im Sommer bekam ich von einer befreundeten Züchterin den Tipp, dass eine Trakehner Stute mit Fohlen für kleines Geld zum Verkauf steht. Die Stute, Pastorale, Vollschwester zu zwei gekörten Hengsten, sei gut, das Fohlen, Pasticcio, müsste ebenso gut sein. Mit dem Fohlen könne ich mir meinen großen Traum erfüllen und die Stute in der Zucht einsetzen.

Dass es Trakehner waren, war mir egal, und was es bedeutete, dass Pastorale mehr als 60 % Vollblut hatte, wusste ich nicht.

Abends erzählte ich meine Eltern von der Stute mit Fohlen. Zu dem Zeitpunkt war der Kauf eines weiteren Pferdes oder gar von zweien völlig unsinnig, weil ich eine Auszeit nahm und meine eigene Zukunft völlig ungewiss war. Trotzdem waren meine Eltern nicht abgeneigt – ich hatte eigentlich erwartet, dass sie mich verrückt erklären würden. Nachdem meine Mutter mich zwei Wochen lang jeden Abend fragte, wann ich mir denn die Stute anschauen würde, antwortete ich morgen und fragte, ob sie mitkommen wolle: Ich hatte einen Termin zum Probereiten vereinbart.

Und so kam es, dass wir in den Odenwald fuhren, meine Mutter komplett ohne Pferdeerfahrung, und ich hatte keine Ahnung, worauf ich beim Kauf einer Zuchtstute oder eines Fohlens zu achten habe. Pastorale stand mit ihrem Fohlen Pasticcio und zwei weiteren Halbschwestern auf einer riesigen Hangkoppel, natürlich ganz oben, während wir unten auf dem Reitplatz ankamen.

Die langjährige Pflegerin lief den Hang hoch, halfterte Pastorale und führte sie die Hälfte der Koppel runter, dann stieg sie an einem Vorsprung auf und ritt zu uns. Während die anderen Pferde wild bockend um Pastorale tobten, blieb sie entspannt im Schritt. Ich war beeindruckt von der Coolness der Stute. Wenn ich nicht mit ihr züchten wollte, dann könnte ich sie ja als Anfängerpferd einsetzen und sie von Reitbeteiligungen reiten lassen! Das Probereiten verlief durchschnittlich, Schritt und Trab gingen, im Galopp war ich zu stark, aber darin sah ich kein echtes Problem.

Pastorale wurde mir auch von der Pflegerin vorgeritten: wenig Gang, aber ich wollte ja nicht sie als Reitpferd, sondern als Zuchtstute. Der kleine Hengst kannte nur zwei Gangarten: Schritt (der war wenigstens gut) und Renngalopp. Meine Mutter verliebte sich auf der Stelle in Pasticcio, so ein freundliches Pferd, das ihr nur fast über die Füße galoppiert ist! Wir haben dann schnell noch ein paar schlechte Fotos gemacht und sind heim. Diese habe ich einer guten Freundin gezeigt und mich mit ihr beraten: da die Pferde nicht teuer waren, ging ich beim Kauf ja eigentlich ein Risiko ein. Und so kam es, dass ich mündlich zusagte, dass ich die beiden kaufen würde, und vereinbarte, dass die beiden noch bis in den Herbst auf der Koppel bleiben durften.

Doch es kam alles anders! Noch bevor ich die beiden bezahlt hatte, verletzte sich Pasticcio schwer. Nachdem ich informiert worden bin, ging alles auf einmal schnell: ich schaute mir den Zustand des Fohlens an, telefonierte mit dem behandelnden Tierarzt, kümmerte mich um eine Box für die beiden und holte sie sie zwei Tage später ab.

Zuhause erklärten mich alle – manche offen, bei anderen sprachen die Blicke Bände - für verrückt, wie ich auf die Idee gekommen sei, eine 11jährige Zuchtstute mit einem Fohlen mit einem faustgroßen Loch im Vorderbein zu kaufen! Nur mein Tierarzt gab mir Hoffnung, das Fohlen würde vielleicht nicht mein Olympiapferd werden, weil der Streckmuskel im Vorderbein betroffen sei, aber die Prognose, dass Pasticcio ein Reitpferd werden würde, war gut. Nach acht Wochen war die komplette Wunde verheilt und Pasticcio konnte in den Hengstlaufstall umziehen.

Auch mit Pastorale lief nichts wie geplant. Sie verkraftete die Umstellung in den neuen Stall nicht gut, war extrem schlecht gelaunt und benahm sich unmöglich. Beim Führen sprang sie um mich rum und mir auf den Fuß, so dass ich einen gebrochenen Zeh hatte, beim Hufe Auskratzen bin ich dank eines unvorhersehbaren Satzes von ihr quer durch die Stallgasse geflogen, so dass ich lauter blaue Flecken hatte: so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ganz schlimm wurde es, als ich ihr dann noch das Fohlen weggenommen habe: ich war das personifizierte Böse!! Sie stellte alles in Frage, was ich von ihr wollte, testete Grenzen aus und war beleidigt, wenn sie Ärger von mir bekam. So ein Verhalten hatte ich noch nie erlebt!!

Als sich dann auch noch Remo verletzt und ich auf einmal kein Reitpferd mehr hatte, habe ich angefangen, Pastorale selbst zu reiten. Doch auch beim Reiten war sie nicht das Pferd, das ich mir erhofft hatte: sie reagierte hypersensibel auf alle meine Hilfen, wehrte sich mit allem, was sie kannte oder auch neu lernte. Nachdem ich beispielsweise in einer Reitstunde mit Schulter vor begonnen hatte, rannte sie mir in den nächsten Wochen immer völlig verdreht über die äußere Schulter weg. Sie war kein Anfängerpferd, ich musste mir sattelfeste, erfahrene Reitbeteiligungen suchen.

Zudem trat sie gezielt gegen andere Pferde, und zwar sowohl in ihrer Box als auch auf der Stallgasse und beim Reiten. Das war keine schöne Zeit! Zwei Sätze meiner damaligen Reitlehrerin in der ersten Reitstunde, die ich mit Pastorale geritten bin, sind mir im Gedächtnis geblieben: „ Halte mit der jungen Stute Abstand zu den anderen Pferden, sie kennt das nicht“. Ich musste ihr dreimal erklären, dass die „junge Stute“ elf Jahre alt war und es eigentlich kannte, in der Halle geritten zu werden. Und: „Ich habe mich während der ganzen Stunde gefragt, was Du Dir da gekauft hast. In den letzten zwei Minuten habt ihr gezeigt, wo es hingehen kann – das kann was Gutes werden!“ Zumindest der zweite Satz hat mich aufgebaut und mir Hoffnung gegeben.

Bis es besser wurde, dauerte es mehr als ein halbes Jahr. Ich habe Pastorale mit aufs Turnier genommen, schlimmer als daheim konnte es eh nicht werden. Auf dem Turnier angekommen, hatte sie – aus ihrer Sicht – die Auswahl zwischen Not und Elend: entweder kämpft sie sich allein durch die für sie neue Situation auf dem Turnier, oder sie müsste sich das erste Mal auf mich verlassen, und ich war ja eigentlich zu diesem Zeitpunkt immer noch das personifizierte Böse.

Wider Erwarten hat Pastorale sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Ich durfte sie das erste Mal wirklich reiten, sie benahm sich vorbildlich! Belohnt wurde das Ganze direkt mit einer weißen Schleife in der ersten A-Dressur! Ich war fassungslos, stolz, glücklich!! Das war der Wendepunkt in meiner Beziehung zu Pastorale. Sie ließ sich immer mehr auf mich ein, fing an, sich wie ein normales Pferd zu benehmen, zeigte fast so etwas wie Freude, wenn ich kam, und wurde vor allem zu einem zuverlässigen Reitpferd. Sie akzeptierte Remo als Koppelpartner und musste nicht mehr in Einzelhaft gehalten werden.

Heute kann sich keiner, der Pastorale und mich kennt, vorstellen, wie schwierig die ersten acht Monate waren. Unglaublich, aber ich werde von ihr fast immer mit einem leisen Brummeln begrüßt! Mir wurde auf einem Lehrgang einmal gesagt, wir wären wie ein altes Ehepaar. Ich habe es als Kompliment aufgefasst, auch wenn es eigentlich anders gemeint war, denn es beschreibt unsere Beziehung eigentlich ziemlich treffend: Wir kennen uns in- und auswendig!

Mit Pastorale kann ich einfach alles machen, wobei der Schwerpunkt in der Dressur liegt. Daheim beherrscht sie fast alle M-Lektionen. Auf Turnier stelle ich sie bis heute erfolgreich auf A-Niveau vor. Sie hat auch einzelne Platzierungen auf L-Niveau, allerdings steht sie sich da selbst im Weg.

Ich habe vor vielen Jahren durch eine Reitstunde bei einer schlechten Reitlehrerin Stress in die L-Lektionen gebracht. Bis heute gelingt es mir nicht oft, dass Pastorale auf Turnieren in L-Dressuren ruhig bleibt – damit muss und kann ich leben! Immerhin bin ich mit ihr bereits auf dem großen Viereck gestartet – damit habe ich mir einen Teil meines Traums erfüllt.

Obwohl Pastorale nur auf A/L-Niveau auf Turnieren erfolgreich ist, wurde sie letztes Jahr aufgrund ihrer Eigenleistung ins GP-Programm aufgenommen – darauf bin ich wirklich stolz!

Pastorale liebt es, auf Turniere zu fahren: Sie kann stundenlang an einer Stelle mitten im größten Trubel stehen und das Geschehen um sie rum beobachten. Dieses Jahr habe ich sie in einer GHP-Prüfung vorgestellt und eine 1 bekommen. Im Gelände ist sie meistens ein absolutes Verlasspferd, egal, ob daheim oder in fremder Umgebung. Außerdem bin ich sie eine Zeitlang gesprungen, allerdings liegt hier nicht unbedingt ihre Stärke.

Ich habe mir damals völlig ahnungslos mit Pastorale und Pasticcio zwei Traumpferde gekauft und könnte noch soooo viel erzählen. Viele Dinge sind anders gelaufen als geplant, trotzdem sind die beiden ein absoluter Glücksfall für mich!!

Würde ich mir heute noch einmal ein Pferd kaufen, dann wäre es wahrscheinlich wieder ein Trakehner. Eine Stute. Mit viel Vollblut. Und einem eigenen Kopf und Charakter. Ein Pferd wie Pastorale!

Liebe Eva Ziegler,

ihr Bericht ist so wunderbar und mit derart viel Herzblut geschrieben, dass auch die Leser nachvollziehen und vor allem nachfühlen können, wie stark diese Bindung zu dieser Stute sein muss.

Wir wünschen Ihnen von ganzem Herzen noch ganz, ganz viel Freude mit ihr und Dr. Brigitte Westbrock wird mit Sicherheit die weitere sportliche Laufbahn verfolgen!

#PferddesMonats

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